Subskription 2011
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Donnerstag, 30.04.2009 - Wundertüte, Lotterie oder Drama
Als ich den Jahrgang 2008 vor einigen Wochen als eine „Wundertüte“ bzw. einen „Lotterie-Jahrgang“ bezeichnete, hatte ich das zwar etwas anders gemeint, aber es trifft natürlich auch voll und ganz auf das zu, was sich heute früh kurz nach Mitternacht mitteleuropäischer Zeit bzw. 6 pm east coast time in den USA abspielte, als der amerikanische Kritiker Robert Parker seine Noten für diesen Jahrgang veröffentlichte. Für einige Erzeuger war dies wie der berühmte Tag, an dem Ostern und Weihnachten auf das gleiche Datum fallen. Sie hielten plötzlich das grosse Los in der Hand. Noten, die tendenziell in Richtung 100 Punkte gehen für Lafite, Pétrus, Ausone und Trotanoy dazu geradezu hymnische Beschreibungen einzelner Weine, die sie in eine Nähe zu Jahrhundertjahrgängen rücken. Damit hatte nun doch keiner gerechnet. Und der Markt reagierte prompt mit Nachfrage und steigenden Preisen. Offenbar war das Parker Votum für Lafite (one of the most profound young wines I have ever tasted.) vorab durchgesickert; denn bereits in den Stunden vor der Veröffentlichung schnellte der Preis am Markt um 20 Prozent in die Höhe. Unerlaubte Nutzung von Insider-Informationen würde man so etwas an der richtigen Börse nennen und untersuchen.

Parker bewertet den Jahrgang 2008 als deutlich besser als 2007, 2006, 2004 und 2003, 2002, 2001 und 1999 und damit als einen der drei besten Jahrgänge der vergangenen zehn Jahre. Er tut dies nicht differenziert wie fast alle anderen Verkoster, die egal wie hoch sie in ihren Spitzenbewertungen gingen, übereinstimmend von einem sehr heterogenen Jahrgang sprachen, sondern er urteilt absolut. Für ihn scheint sich der Jahrgang sehr homogen darzustellen. Beides – die extrem hohe Bewertungsskala für einzelne Weine und diese Jahrgangswertung - werfen natürlich Fragen auf über die man in den nächsten Tagen und Wochen noch viel diskutieren wird. Auch die Art und Weise wie dieser coup de theâtre eingefädelt wurde.

Denn auch ein anderer Vergleich, den ich vor ein paar Tagen angestellt habe, hat sich bestätigt: die Primeur-Kampagne 2008 zeigt alle Anzeichen einer grossartigen Inszenierung nach dem Muster altgriechischer Tragödien und Komödien. Das Muster kennen wir seit Aristoteles. Goethe und Schiller waren in ihren klassischen Dramen Meister in seiner Anwendung.

Zunächst die Exposition: ein schwieriger Jahrgang, kompliziert, wechselhaft mit viel Schatten und Verlusten, aber nicht ohne Hoffnung und Durchhalteparolen, dazu eine desaströse Marktsituation, die aufkommende Finanzkrise. Eine Ausgangslage wie vor Troja, im Hundertjährigen Krieg oder bei Waterloo. Es folgt die Steigerung in einer schnell vorwärtsstrebenden Handlung mit einem Hin- und Herwogen der Meinungen und Gefühle, einer plötzlichen und unerwarteten Attacke einiger prominenter Protagonisten an der Preisfront, einem Auf und Ab bei den Preisen, bei dem sich die Schicksals-Schale immer weiter Richtung Niederlage senkt. Dann plötzlich das retardierende Moment mit der bangen Frage: weiss da eventuell jemand mehr als wir anderen wissen, naht etwa Verstärkung für die fast verlorene Schlacht, von der niemand etwas ahnt. Tatsächlich kommen erste Boten mit der Nachricht: heute Abend wird das Orakel sprechen. Alles hält den Atem an. Das Tableau ist bereitet für die Peripetie, die unerwartete Wendung. Und dann der grosser Auftritt: Robert Parker gibt tatsächlich in dieser Inszenierung den deus ex machina – man könnte auch sagen den Candyman oder Santa Claus. Jedenfalls erscheint die Phythia aus Maryland, der unbestechliche Wine advocate, und verkündet die frohe Botschaft: Freuet euch; denn über Bordeaux ist ein neuer Stern aufgegangen zur Erlösung der krisengeplagten Weinwirtschaft. Und nun gehet hin in alle Welt und verkündet es den Gläubigen, auf dass sie wieder kaufen. Und alles stürmt los wie die treue Truppe des jungen Max Piccolomini: Wer mit mir geht, der sei bereit, zu sterben! So dramatisch wie bei Wallenstein wird’s wohl nicht enden. Aber dem Stück dürfte für die Zukunft eine längere Rezeptionsgeschichte sicher sein.
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