Subskription 2011
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Donnerstag, 06.05.2005 - Jenseits von Sociando
Es gibt in Bordeaux eine Welt jenseits von Château Sociando Mallet im äussersten Nordwesten des Médoc. Dort kommt kaum je ein Händler oder Journalist hin. Sociando ist meist der äusserste Punkt der Verkostungstouren. Das ist ein Fehler; denn dort gibt es etwas zu entdecken, was eigentlich alle suchen: gute Weine zu fairen Preisen. Zum Abschluss meiner zweiten Bordeauxreise in diesem Jahr habe ich dort in St. Seurin de Cadourne zusammen mit Peter Moser vom Falstaff eine Vereinigung besucht, die man auch die ?vergessenen Weinberge des Médoc? nennen könnte, ich meine die Crus Artisans. Es ist dies eine der kleinsten der mittlerweile zahllosen Gruppierungen, auf jeden Fall die leiseste und - was die meisten nicht wissen - eine der ältesten im Bordelais.

Es war sicher eine der ersten Primeurverkostung, die hier je stattgefunden hat und sie brachte ein für uns überraschendes Ergebnis: keiner der angestellten Weine lag unter 80 Punkten, die Spitze etwa bei 85 - 87. Diese Gruppierung mit Mitgliedern hauptsächlich in den Appellationen Médoc und Haut Médoc, aber auch in kommunalen Appellationen wie Margaux, Pauilliac, Listrac, Saint Julien und Saint Estèphe präsentierte sich nicht nur auf einem qualitativ guten Niveau sondern auf für den Jahrgang unerwartet homogen.

Hier meine sieben Favoriten unter den Cru Artisan:
2004 Château Bèhèré (Pauillac) 85 ? 87 Punkte
2004 Château Bois du Roc (Médoc) 85 ? 86 Punkte
2004 Château Gobinaud (Listrac) 84 ? 85 Punkte
2004 Château Haut-Brega (Haut Médoc) 85 ? 86 Punkte
2004 Château de Lauga (Haut Médoc) 85 ? 86 Punkter
2004 Château Micalet (Haut-Médoc) 85 ? 87 Punkte
2004 Chateau La Peyre (Saint Estèphe) 84 ? 86 Punkte
Ausführliche Notizen unter www.degustation.de.
Die Crus Artisans werden kaum je von der Fachwelt ausserhalb der Region wahrgenommen, geschweige denn von den Kritikern en primeur verkostet und benotet. Man findet die Weine meist auf den Weinkarten bürgerlicher und vor allem ländlicher Restaurants in und um Bordeaux. An den Handel werden sie im Schnitt zu Preisen zwischen vier und sechs Euro abgegeben, die communales etwas darüber.

Normalerweise sagt man diese Gruppierung sei qualitativ unterhalb der Cru Bourgeois angesiedelt. Doch dies entspringt einem grundlegenden Missverständnis. Die Definition, auf die sich das Selbstverständnis dieser Güter stützt, lautet auf einen einfachen Nenner gebracht: ein Médoc-Weingut in Familienbesitz mit maximal 10 Hektar Grösse, das ohne fremde Hilfe mit eigener Hände Arbeit bewirtschaftet wird. Darauf verweist auch der Begriff ?artisans? (= Handwerker, handwerklich). Er taucht erstmals an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert auf. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert notierte Edouard Féret dann die bis heute gängige Hierarchie: Crus Classés, Crus bourgeois, Crus Artisans (damals noch unterteilt in 1ers Artisans und Crus Artisans) sowie Crus Paysans.

Theoretisch würden derzeit 335 Betriebe im Médoc die Voraussetzung für einen Cru Artisan erfüllen. In der Literatur heisst es ca. 100 würden diese Bezeichnung tragen, in Wirklichkeit sind es derzeit kaum mehr als 60 Güter. Die meisten von ihnen sind zwischen ein und fünf Hektar gross. Rechnet man ihre Flächen zusammen, dann bewirtschaften die Crus Artisans derzeit rund 300 Hektar Weinberge. Im Vergleich dazu: Bordeaux Supérieur 800 Erzeuger/10.219 Hektar, Cru Bourgeois 247 Erzeuger/7.200 Hektar, Union des Grands Crus 131 Mitglieder/5.000 Hektar.

Das Potenzial der Terroirs entspricht teilweise dem von klassifizierten Gewächsen. So grenzen die Weinberge von Château La Peyre beispielsweise unmittelbar an Château Haut Marbuzet und Château Montrose. Und nicht selten sei es in der Vergangenheit vorgekommen, dass ein Cru Classé die Weinberge eines Cru Artisan aufgekauft und damit seine eigene Fläche arrondiert habe. Mancher unbekannte, preiswerte Cru Artisan sei so über Nacht zum teuren Nobelgewächs geworden, erzählt uns Monsieur Fedieu, Alterspräsident des Syndicats und Besitzer von Château Micalet in Cussac Fort Médoc. Auf diese Weise seien seit den 1930er Jahren bis zur Neuformierung der Gruppe und Gründung des heutigen Syndicats im Jahr 1989 viele frühere Crus Artisans verschwunden.

Im Jahr 1994 erreichten diese immerhin die Anerkennung des Begriffs durch die EU. Aber seither ist nicht viel passiert. Die Gruppe ist klein, finanzschwach, hat keine Lobby und so unsere Gastgeberin Madame Ambach (Château Haut-Bréga):?Wir haben einfach nicht die Zeit uns drum zu kümmern. Schauen sie meine Arme, mein Gesicht. Das kommt nicht vom Sonnenstudio oder Urlaub. Das ist von der Arbeit im Weinberg.? Dabei lacht sie über ihr ganzes freundliches Bäuerinnengesicht mit einer Mischung aus Stolz und Herzlichkeit und serviert uns am familiären Küchentisch das Mittegsmahl: köstlich duftendes Poulet gegrillt auf Rebenfeuer, Feldsalat aus den eigenen Weinbergen, vorweg deftige charcuterie (Blutwurst und einen Schwartemagen von Kutteln) vom örtlichen Metzger und dazu einen 1996er Château Haut-Bréga, der jetzt im Alter von knapp zehn Jahren seinen ländlichen Charme bereits voll entfaltet. Was will man mehr? Ca c´est la douce France!
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