Subskription 2011
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Donnerstag, 22.04.2011 - 2010 – Das Jahr am Ende der Fahnenstange
Das Jahr 2010 wird möglicherweise in die Weingeschichte eingehen als das Jahr in dem wir uns von unserer Vorstellung von Bordeaux-Weinen so wie wir sie bisher gekannt haben und schätzen, verabschieden mussten. Der Jahrgang stellt für mich zum einen die Apotheose der grossen Terroirs dar und ist zugleich eine Grenzüberschreitung. Er ist ein Menetekel.

Ob es vor meiner Zeit als Degustator jemals so reife Cabernet Sauvignons gegeben hat wie 2010, weiss ich nicht. Die Weine aus den Spitzenjahrgängen des 19. Jahrhunderts, die ich im Laufe der Zeit verkostet habe, wie 1811, 1848/49, 1864/65, 1870/71, 1893 und 1900 legen dies allerdings für die damalige Zeit nahe. Jedenfalls habe ich noch nie zuvor Cabernets dieser Qualität als Jungweine verkostet. Der Merlot, die andere tragende Sorte vor allem vom rechten Ufer, scheint mir dagegen die Grenze überschritten zu haben. Die Weine haben teils 15 und mehr Grad Alkohol. Ihre Zukunft ist ungewiss.

In den 35 Jahren, in denen ich bewusst mich mit den Weinen des Bordelais beschäftige, hat sich das Klima und damit auch der Weintypus dramatisch geändert: vom herben, dünnen Säuerling zur konzentrierten süssen Alkoholbombe. Dies geschah nicht weil die Winzer oder Robert Parker das unbedingt so wollten, sondern weil die Natur es möglich gemacht, teilweise sogar erzwungen hat.
Nicht umsonst stellte Philippe Bardet, Winzer aus Saint Emilion und Co-Präsident der technischen Kommission des CIVB kürzlich bei einer Konferenz fest: „Wenn wir nichts unternehmen werden wir nur noch Coca Cola Weine produzieren.“ Wie auch immer, wenn sich das Klima bis 2040 so verändern wird, wie es dies von 1980 bis heute getan hat, wird es Mitte des 21. Jahrhunderts Bordeaux-Weine wie wir sie kennen nicht mehr geben können, jedenfalls nicht mehr an der Gironde.

2005, 2009 und 2010 – drei grosse Jahrgänge innerhalb einer Dekade, zwei davon ein Pärchen wie auch die legendären Zwillinge 1864/65 und 1928/29. Es gibt in der modernen Geschichte Bordeaux keinen Vergleich was die Trockenheit und die Länge der Vegetationsperiode angeht. Dabei ist 2010 wegen des kühleren Augusts/Septembers mit 2009 nicht vergleichbar, wenn dann nur mit 2005. Und dann ist 2010 der bessere Jahrgang. Alle drei zeigen aber im Wein die höchste Konzentration der vergangen 60 Jahre. Was man im 20. Jahrhundert einen „Jahrhundertjahrgang“ nannte, wird im 21. Jahrhundert möglicherweise die Normalität sein.
Ich kann mich nicht erinnern solche Weine wie die 2010er jemals en primeur verkostet zu haben, nicht mal als Jungweine sondern allenfalls im fortgeschrittenen Stadium der Jugend und des Erwachsenseins. Deshalb vergleiche ich Latour 2010 mit dem 1928er, Pétrus mit dem 1945er, Lafleur mit dem 1947er und Palmer mit dem 1961er. Und Ausone ist möglicherweise unvergleichlich.

Bordeaux hat das Ende der Fahnenstange erreicht. Mehr geht sinnvollerweise nicht mehr ohne dass man endgültig den Charakter der Weinstilistik aufgibt, die das Image der Region über Jahrhunderte geprägt hat. Das stellt die Region vor eine existenzielle Frage.

Auswege gibt es mehrere: zum einen die Einführung einer flächendeckenden Bewässerung und vor allem neuer technischer Verfahren (u.a. der Entzuckerung des Mostes) die bereits öffentlich diskutiert werden. Einige sollen die (noch) nicht erlaubte Desucrage bereits 2010 angewandt haben. Auch die verstärkte Umstellung auf biologische Bewirtschaftung, die bereits in vollem Gange ist, wird zumindest einige Zeit helfen. Oder aber eben das, was keiner wirklich will, worüber aber in diesem Jahr erstmals laut nachgedacht wurde: der Wechsel der Rebsorten.

Zunächst könnte man verstärkt auf Cabernet franc, Malbec und Petit Verdot setzen, was einige bereits tun. Oder den vergessenen Carmenère aus Chile zurückholen. Ich habe mehrere Winzer und Direktoren gesprochen, die schon fleissig dabei sind Merlot zu roden und diesen durch Cabernet franc zu ersetzen.

Wenn man bedenkt, dass so manches was ich auf dem rechten Ufer probiert habe, schmeckte als käme es von der Rhone bzw. aus Südfrankreich wäre wohl auch Syrah, den man früher im Verfahren des „hermitagé“ zugesetzt hat, eine Option. Aber auch über Mourvèdre denken einige bereits hinter vorgehaltener Hand als ultima ratio nach. Das wäre dann das Ende einer Epoche.
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